Königin Esther

Königin Esther 

Der Name Esther gleicht dem hebräischen Begriff „hester“ – verstecken. Bereits hier findet sich ein deutlicher Hinweis auf das Verdeckte im Buch Esther. Erstaunlicherweise wird Gott in diesem Buch nicht ein einziges Mal erwähnt. Gott ist in dieser Geschichte verdeckt. Dennoch ist Er es, der das Geschehen vollständig lenkt und leitet.
 
Als König Ahasveros seine Königin Vasti zu sich ruft und sie sich weigert, ist das ganze Königreich in Aufruhr, ja beinahe am Rande einer Revolution. Vasti ist eine eigenständige Frau, die sich gegen den von Männern regierten Staat stellt und es wagt, Nein zu sagen.
 
Im Buch Esther wird beschrieben, wie der König auf diese Verweigerung reagiert. Zunächst sucht er im ganzen Königreich nach einer neuen Königin. Damit beginnt eine Art Schönheitswettbewerb. Die Boten des Königs jagen und sammeln alle jungen, hübschen Jungfrauen ein und bringen sie in die Haupstadt, in ein königliches SPA, eine Art Schönheitszentrum. Hier halten sich die Mädchen ein ganzes Jahr lang auf und werden mit besonderen Ölen, Cremes und Parfums gepflegt, bevor sie dem König vorgeführt werden. Sie werden in diesem Haus, aus dem sie nie wieder zu ihrer Familie zurückkehren, von einem Eunuchen bewacht.
 
Nachdem dieses Jahr um ist, wird Ahasverios jeden Abend ein neues Mädchen vorgeführt. Die meisten verbringen nur diese eine Nacht mit dem König und gehen danach in das Frauenhaus, ihre neue Bleibe, es sei denn, er lässt sie ein zweites Mal beim Namen rufen. (Esther 2,12-14).
 
Die jungen Frauen werden alle zu Nebenfrauen des Königs, ohne je zu ihren Familien zurückkehren zu können. Kein Wunder also, dass die Gesandten des Königs im ganzen Reich herumreiten und die Mädchen „jagen“ müssen. Welche Eltern wünschen sich schon solch ein Schicksal für ihre Tochter?
 
Im zweiten Teil des Esther-Buches finden wir zwei Geschichten. Zum ersten das tragische Schicksal vieler junger Frauen. Und zum zweiten Esthers private Lebensgeschichte.


Mordechai hatte Esther als Kind adoptiert, um sie zu schützen. Vor den Gesandten des Königs hatte er sie nicht bewahren können. Sie wurde entdeckt und mit in das „Schönheitszentrums“ des Königs genommen. Hier verbirgt Esther ihre Herkunft. Und hier birgt sich ein weiteres Beispiel der Bedeutung ihres Namens. Es geschieht Wunder über Wunder, denn Esther findet Gefallen in den Augen ihres Wärters. Die Frage stellt sich, warum Esther Gefallen in den Augen aller fand? Das mag sicherlich nicht nur an ihrer äußeren Schönheit gelegen haben, denn hübsche Frauen gibt es jede Menge. Esther hört auf das, was man ihr sag, sie folgt jedem Mann, der etwas befielt. Sie hat weder eine eigene Meinung, noch einen eigenen Willen oder eigene Gedanken. Sie gehorcht Mordechai, Hegai dem Eunuchen und natürlich auch dem König. Esther ist das genaue Gegenteil der widerspenstigen Vasti. Sie ist der Traum des persischen Königs.
 
Zwischenzeitlich steht das Schicksal der Juden im Königreich auf dem Spiel. Ahasveros hat Haman die Erlaubnis erteilt, ein Gesetz zu erlassen, dass den Völkern im Königreich die Tötung der Juden aufträgt. Zu diesem Zeitpunkt gibt sich Esther als dumme und einfältige Frau aus, schön und fügsam.
 
Als sie hört, dass Mordechai als Zeichen der Trauer einen Sack trägt, erschrickt sie schon allein von der Vorstellung dieses Anblicks und lässt ihm andere Kleidung zukommen. Dies beweist ihre abgeschottete Haltung, sie lebt in einer Art Blase und hat keine Ahnung, was außerhalb der Palastmauern vor sich geht. Erst als Mordechai die Kleider zurückschickt, wacht sie aus der Lethargie auf und versteht, dass es nicht an einer neuen Garderobe liegt.
 
An dieser Stelle der Geschichte können wir zum ersten Mal ihre Stimme vernehmen: „Da rief Esther den Hatach, einen Kämmerer des Königs…” (Esther 4,5). Mordechai weiß, dass man Esther etwas befehlen muss, wenn man möchte, dass sie es ausführt. Er gibt ihre die nötigen Informationen und befiehlt ihr, um eine Audienz beim König zu bitten. Dort soll sie um das Leben der Juden flehen. Flehen ist bereits ein aktiver Eingriff. Und hier zeigt sich eine weitere Eigenschaft Esthers: Sie scheint feige zu sein. Sie hat Angst um ihr Leben. Angst davor, dass sie so wie ihre Vorgängerin Vasti enden wird. Dieser Gedanke und diese Verantwortung bereiten Esther große Angst. Nichts in ihrem bisherigen Leben hat sie auf diese Situation vorbereitet.
Da zitiert Mordechai einen der gewaltigsten Verse, die es in der Bibel gibt. Ein Vers, der den ganzen Glauben aufrüttelt und die ganze Wahrheit einem Härtetest unterzieht. Ein Vers, der lehrt, dass es im Leben Augenblicke gibt, bei denen man ernsthafte Erwägungen machen muss und verstehen sollte, welche Wahrheit wir wählen sollten. Ähnliches spielte sich im Holocaust ab, wo gute Menschen Juden retteten und damit ihr eigenes Leben in Gefahr brachten. Demgegenüber gab es aber auch Menschen, die lieber wegschauten. Jene, die den jüdischen Mitbürgern halfen, nennt man bis heute „Gerechte der Völker” und ihre Namen sind in der Geschichte des Volkes Israel eingeflochten.
 
Mordechai sagte: „Denn wenn du jetzt schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und Rettung für die Juden kommen.” (Esther 4,14)
 
Dies ist für jeden von uns für immer ein aktueller und relevanter Vers.
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Esther 4,15-17 beschreibt die große Wandlung der Esther. Aus einer hübschen, gehorsamen Barbie-Puppe wird eine Königin, die Befehle erteilt. Sie erbittet sich eine Auszeit, um nachzudenken und zu planen – dies ist eine große Änderung in ihrem Charakter. Ihr Onkel Mordechai hört auf sie – für die damalige Zeit ganz außergewöhnlich.
Königin Esther sieht sich nun zwei Feinden gegenüber: einerseits Ahasveros und andererseits Haman, der engste Berater des Königs, ohne dessen Ratschlag Ahasveros keinen Schritt tut. Esther weiß, dass die Chance, dass der König sie als Gemahlin dem Haman vorzieht, wenn sie um ihr eigenes Leben und das ihres Volkes fleht, gegen Null geht. Es gibt nur einen Haman, hübsche Frauen aber hat er jede Menge. Um die beiden Männer zu überlisten, muss sie in ihrem Aufgabenbereich verbleiben, als die puppenhafte, immerfort lächelnde und sich anbiedernde Königin.
Esther muss den wunden Punkt eines jeden der beiden Männer finden. Bei ihrem Gatten ist das nicht schwer. Er beherrscht zwar ein Großreich, handelt aber nicht selbständig. Jedes Problem, und sei es noch so klein, überlässt er seinen Ratgebern. Wenn man von ihm die Schichten der Wichtigkeittuerei entfernt, stellt sich heraus, dass er eigentlich auch nur eine Marionette ist. Dem König ist seine Männlichkeit das Wichtigste. Das war auch der Grund, warum er wegen der Verweigerung der Vasti so tobte. Der König herrscht über Frauen, aber da hört dann seine Größe auch schon auf. Haman hingegen ist schlau und süchtig nach Ehre. Alle müssen sich vor ihm verbeugen. Esther ist klug, sie kennt die Schwachpunkte der beiden.
Am Ende des dritten Fastentages zieht Esther zum schwersten Kampf ihres Lebens hinaus. Der Eindruck, den ihre Gewänder und ihre Schönheit auf den König machen, lassen ihn das Zepter in ihre Richtung ausstrecken. Er versteht, dass sie ihm etwas zu sagen hat, und er sagt ihr: „Was hast du, Königin Ester? Was ist dein Wunsch? Auch wenn es die Hälfte meines Reiches kosten würde, soll er dir erfüllt werden!“ (Esther 5,3)
Esther lädt ihn und Haman zu einem Gelage. Ahasveros kann kaum erwarten, Esthers Anliegen zu erfahren. Er verspricht ihr das halbe Königreich, aber sie lenkt ab und spricht eine neue Einladung für den folgenden Tag aus. Haman ist mit dieser persönlichen Einladung hochgeehrt, der König hingegen muss eifersüchtig auf seinen Ratgeber werden. Eifersucht ist eines der stärksten Gefühle (Hoheslied 8,6). Esther trifft die wunden Punkte, siehe Kapitel 5,10‑13 und 6,1.
Haman begreift nicht, dass die Einladung und dann der Cocktailabend mit der Königin den Ahasveros eifersüchtig machen. Dies ist geradezu ein Geniestreich der Esther. Als der König beim zweiten Cocktailabend von Eifersucht vergeht, enthüllt Esther, dass Haman plant, sie und ihr Volk zu vernichten. Ahasveros verlässt sprachlos den Raum. Haman bettelt bei Esther um sein Leben. Er fleht so innig vor ihrem Lager, dass der wieder hinzutretende König meint, ihn sozusagen in flagranti zu ertappen. Das Schicksal des Bösewichts ist besiegelt. Der 14. Tag des Monats Adar, der Tag, an dem das jüdische Volk vernichtet werden sollte, wandelt sich zum Freudentag. 
Seither feiern wir Purim.
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